Propper Loft – (k)eng Selbstverständlechkeet

Luftverschmutzung wird als gesundheitlicher Risikofaktor bis dato unterschätzt. Dieses Fazit ziehen Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Chemie und der Universität Mainz in einer jüngst veröffentlichten Studie im European Heart Journal. Den Wissenschaftlern zufolge, sterben jedes Jahr fast 800.000 Menschen in Europa vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft, viel mehr als bisher angenommen. Luftverschmutzung fordert damit jährlich sogar mehr frühzeitige Tote als Rauchen. Für Luxemburg bedeutet dieser Befund, dass die Schätzungen der Europäischen Umweltagentur – laut denen 2015 in Luxemburg rund 300 Menschen vorzeitig durch Luftverschmutzung gestorben sind – mit hoher Wahrscheinlichkeit nach oben revidiert werden müssen.

Eine Frage der öffentlichen Gesundheit

Erwachsene Menschen atmen in der Regel jede Minute 15-mal ein und aus, Kleinkinder sogar doppelt so oft. Bei jedem Atemzug gelangen Luftschadstoffe – wie Stickoxide, Ammoniak oder sehr kleine Staubpartikel – in unsere Lungen und Atemwege, lagern sich ab oder gelangen in die Blutbahn, und können kurz- und langfristig negative gesundheitliche Folgen haben. Dreckige Luft kann zu Lungenleiden wie Lungenkrebs und Lungenentzündungen führen und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders gefährdet sind dabei natürlich Kinder sowie geschwächte oder ältere Menschen. Laut den Mainzer Forschern gehört Luftverschmutzung, neben Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und Rauchen, zu den größten Gesundheitsrisiken überhaupt.

Luftverschmutzung ist keine Fatalität

Genau wie der Klimawandel ist verpestete Luft keine Fatalität. Um Mensch und Natur zu schützen, gibt es schon seit Jahrzehnten Schadstoffgrenzwerte die regelmäßig verschärft und ausgeweitet werden. Die aktuellen Grenzwerte stammen von Juni 2018 und geben weitere Reduktionsziele für Stickoxide (NOX), Schwefeldioxide (SO2), Feinstaub (PM2,5), flüchtige organische Verbindungen (VOC) und Ammoniak (NH3) vor.

Luxemburg ist auf gutem Weg seine EU-Ziele für 2020 zu erreichen, und hat sie für einige Schadstoffe sogar schon erfüllt. Unsere Luft ist heute sauberer als noch vor 20 Jahren. Doch die oben-erwähnte Studie belegt den weiteren Handlungsbedarf. Zusätzliche Anstrengungen, Verhaltensänderungen und innovatives Denken sind unentbehrlich.

Wollen wir die Reinheit unserer Atemluft weiter verbessern, muss jeder Sektor seinen Beitrag leisten. Das betrifft etwa die Landwirtschaft, die für 95% der Ammoniakemissionen verantwortlich ist, oder die Industrie, auf die rund 85% der luxemburgischen Schwefeldioxidemissionen entfallen.

Die Rolle des Straßenverkehrs

Der wichtigste Hebel in Sachen schmutzige Luft bleibt allerdings der Straßenverkehr. Hier entstehen rund 60% der Stickoxidemissionen und 29% der Feinpartikel die in Luxemburg in die Luft geblasen werden. Diesel-PKWs sind in diesem Kontext eindeutig größere Verursacher als Benziner. Sie stoßen trotz Verbesserungen im Abgasstandard 5-mal so viele Stickoxide aus, wie Benziner. Obwohl der Verbrennungsmotor nicht von heute auf morgen verschwinden wird, ist er demnach nicht nur aus Klimaschutz- sondern auch aus Gesundheitsschutzgründen ein Auslaufmodell.

Damit diese Luftverschmutzung bald der Vergangenheit angehört, muss die aktive und sanfte Mobilität – Rad- und Fußverkehr – für kurze Distanzen eindeutig privilegiert, das öffentliche Verkehrsnetz weiter in Kadenz und Dichte ausgebaut, und Alternativen wie Carpooling und Carsharing gefördert werden. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die den Bürger anregen auf nachhaltigere Transportmöglichkeiten umzusteigen. Eine Verkleinerung des Fuhrparks würde zudem nicht nur den Ausstoß von Stickoxiden, sondern auch die Entstehung von Feinstaub mindern. Diese sehr feinen, lungengängigen Partikel entstehen, neben der Verbrennung, auch durch den Abrieb von Reifen und Bremsklötzen, sowie durch die Aufwirbelung von Straßenstaub und betreffen deshalb auch Elektroautos.

Elektromobilität vorantreiben

Die Elektromobilität ist eine wichtige Komponente im Kampf gegen umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe in der Luft. Leider wurden Innovationen in diesem Bereich zu lange von der Autoindustrie – insbesondere der europäischen – verschleppt und die Autokäufer bekanntlich in punkto Einhaltung der Grenzwerte betrogen. Elektroautos, E-Bikes oder auch elektrische Scooter geben keine Schadstoffe durch den Auspuff ab, und können, wenn mit erneuerbarer Energie aufgeladen, schon jetzt eine gute Umwelt- und Klimabilanz vorlegen.

Durch Forschung und verstärktem Einsatz grüner Energie wird sich die Emissionsbilanz von Elektroautos – inklusive Fahrzeugen mit Wasserstoff oder Brennstoffzellen – in Zukunft kontinuierlich reduzieren. Da Lithium Akkus mittlerweile sämtliche Bereiche unseres modernen Lebens erobert haben (Handy, Laptops, Uhren, Akkubohrer, usw.), ist es unumgänglich, dass auch die Forschung an effizienteren Batterien und die Umsetzung einer menschen- und umweltgerechteren Gewinnung der Rohstoffe, weiter vorangetrieben und Verbesserungen bei der Herstellung, der Wiederverwendung und dem Recycling von Autobatterien gefördert werden.

Auch wenn sie keine Wunderlösung für sämtliche Probleme darstellt, so ist die Elektromobilität ein wichtiges Puzzleteil des neuen Mobilitätsparadigmas. Mit ihr blasen wir deutlich weniger Gesundheitsschadstoffe in die Luft, verursachen deutlich weniger Lärm, kommen dem Ende des fossilen Zeitalters ein gutes Stück näher und betreiben auch Klimaschutz.

Mutiges Handeln erfordert

Laut einer 2017 durchgeführten Eurobarometer-Umfrage zur Umweltsituation in der EU ist für Luxemburger die Frage der Luftverschmutzung, nach dem Klimawandel, die wichtigste. Auch Luxemburgs Schüler haben vorigen Freitag mit dem Klimamarsch den zurückhaltenden Umgang mit Umweltfragen klar angeprangert und ihre Erwartungen an die Entscheidungsträger lauthals mitgeteilt. Es gibt demnach ein ausgeprägtes Problembewusstsein in der Bevölkerung und sie erwartet ein schnelles und mutiges Handeln von Seiten der Politik. Es geht darum unsere Umwelt für die heutige und die nachfolgenden Generationen zu erhalten und zu verbessern.

In den nächsten Wochen wird die luxemburgische Regierung einen ersten Entwurf eines Plans mit weiteren Maßnahmen zur Reduktion von Luftverschmutzung vorstellen. In der Debatte um Grenzwerte für Luftschadstoffe und Maßnahmen um letztere anzugehen, kann es nicht sein, dass Politiker den Luft-, Umwelt- und Gesundheitsschutz und die Konkurrenzfähigkeit der Landwirtschaft und der Industrie gegeneinander ausspielen. Auch darf nicht wegen dem Verbesserungsbedarf bei Elektrofahrzeugen, das Konzept einer neuen, und umweltfreundlicheren Mobilität gänzlich in Frage gestellt werden. Wir müssen verhindern, dass die Diskussion über Luftqualität, wie bei ähnlich polarisierenden Debatten um Tabak, Klima oder Glyphosat, ein Opfer „alternativer Fakten“ und „falscher Propheten“ wird und weiterhin wertvolle Zeit verloren geht.

Saubere Luft ist eine Lebensgrundlage, ein Ziel für welches wir alle zusammen Verantwortung tragen: Politiker sämtlicher politischer Blutgruppen, Industrievertreter, Landwirte und Verbraucher. An der Politik ist es die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen die allen Akteuren erlaubt ihren Beitrag zu diesem Kampf zu leisten. Wir müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen – und zwar in die gleiche Richtung!

François BENOY
Abgeordneter von déi gréng & Präsident der parlamentarischen Umweltkommission

Publiziert im Luxemburger Wort, Analyse & Meinung, 23.03.2019